Google liebt keine Brands, Menschen lieben Brands

Immer wieder hört man SEOs sagen, dass Google Webseiten von großen Marken bevorzugen würde. „Google liebt Brands“ heißt es dann. Und es ist ja auch so, dass viele schlecht optimierte Brand-Seiten weit vorn in den Suchergebnissen stehen oder Marken-Seiten sich deutlich mehr graue SEO-Methoden rausnehmen können als andere.

Ist es wirklich so, dass Brands besser ranken?

Neben dem „gefühlten“ Zustand gibt es auch Zahlen, die eindeutig darauf hindeuten. Schaut man sich z. B. die SEOlytics Top 1000 an (sortiert nach Sichtbarkeit bei google.de), so tauchen unter den ersten 100 Domains lediglich 2 Domains, die man eindeutig als Keyword-Domains bezeichnen könnte, nämlich

  • songtexte.com auf Platz 81 und
  • billiger-telefonieren.de auf Platz 83.

Bei 8 anderen unten gelisteten Ergebnissen würde ich schon von einem Brand sprechen, manch kritische Leser könnten aber auf „Keyword-Domain“ beharren.

  • Platz 14: mobile.de
  • Platz 33: test.de
  • Platz 49: notebooksbilliger.de
  • Platz 65: finanzen.net
  • Platz 67: berlin.de
  • Platz 78: lastminute.de
  • Platz 80: hamburg.de
  • Platz 99: billiger-mietwagen.de

Alle anderen 90 Plätze werden von Domains eingenommen, die eindeutig Brand-Domains sind.

Auch in der AGOF Top100 tauchen mit wetter.com (Platz 35) fluege.de (77) und guenstiger.de (95) lediglich 3 Domains auf, die man mit viel Fantasie noch als Keyword-Domains bezeichnen könnte, obwohl auch diese 3 aktiv Brand Building betreiben.

Also sieht alles danach aus, als ob Google wirklich Brands lieben und diese aktiv in den Rankings bevorzugen würde.

Warum Google gar keinen Grund hat, Brands zu bevorzugen

Wenn Du Google wärst und aus strategischen Gründen Einfluss auf die Suchergebnisse nehmen willst, warum solltest Du Brands bevorzugen? Mir fällt dazu kein guter Grund ein. Im Gegenteil. Brands sind gefährlich für Google, weil sie im Vergleich zu kleinen Internetseiten das Potential haben, sich von Google unabhängig zu machen.

Brands haben aufgrund ihrer Bekanntheit die Möglichkeit, auf verschiedenen Wegen Traffic auf ihre Seiten zu bringen. Nicht-Marken-Seiten können eigentlich nur über SEO (Google), SEA (Google, teuer) oder externe Newsletter-Verteiler (teuer) an Besucher kommen. Brands hingegen können Direktaufrufe erzeugen, Social Media nutzen, eigene Newsletter-Verteiler (billig) aufbauen und über viele weitere Wege Menschen auf ihre (Internet-)Seite ziehen. Außerdem nutzen Brands auf ihren eigenen Seiten meist eigene Verwertungsmodelle (Shops, Abos, Communities, etc.). Sehr selten nutzen sie AdSense (woran Google ja mitverdienen würde).

Auch die häufig geäußerte These, dass Google eigene AdWords Kunden auch SEOmässig bevorzugt, scheint mir nicht logisch. Wer guten SEO-Traffic hat, gibt weniger für AdWords aus. Würde der SEO-Traffic fehlen, dann würde das Brand mehr bei AdWords bezahlen und Google mehr Geld verdienen.

Warum ranken Brands besser?

Der Grund dafür ist recht einfach: Menschen lieben Brands. Sie vertrauen Brands. Sie klicken viel eher auf ein Suchergebnis mit einer ihnen bekannten Marke als auf eine unbekannte Domain.

Kurzum: Würde man einem repräsentativen Querschnitt an Menschen zwei verschiedene Versionen einer Suchergebnis-Seite vorlegen, so würde wohl die Mehrzahl die Version als „qualitativ besser“ bewerten, die Marken-Seiten beinhaltet.

Und genau diese A/B-Tests macht Google. Zwar werden die Suchergebnisse von Algorithmen bestimmt, aber Google entwickelt ja seine Algorithmen ständig weiter. Und in diesem Prozess testen sie immer wieder Varianten gegeneinander. Menschliche Tester entscheiden, welches Ergebnis das (gefühlt) bessere ist. Hier kommen die Quality Rater ins Spiel. Vereinfacht gesagt: Diese bewerten die Seiten, welche Variante A der Suchergebnisse ausspuckt, gegen die Seiten, welche Variante B ausgibt. Die Algorithmus-Variante mit den besser bewerteten Seiten gewinnt, weil sie ja die besseren Ergebnisse liefert.

Immer wieder wird spekuliert, dass die Bewertungen der Quality Rater auch direkt ins Ranking einer Seite einfließen (so auch im oben verlinkten SEOkratie-Beitrag). Ich glaube nicht daran, weil es für eine automatisierte Bewertung von verschiedenen Websites nicht hilfreich ist, einen unterschiedlichen Datenbestand (manche Seiten sind manuell bewertet, andere nicht) zu haben. Dafür müsste Google alle Seiten im Index manuell bewerten lassen, was schlicht unmöglich ist. Möglich ist aber, dass Seiten, die beim manuellen Bewerten (zufällig) als besonders schlecht auffallen, in die Warteschleife für manuelle Prüfungen des Anti-Spam-Teams gestellt werden. Dann findet aber nochmal eine zweite, getrennte Prüfung statt.

Neben dem manuellen Bewerten der Algorithmen laufen bei Google aber auch automatische Checks ab, bei denen Brand-Seiten besser abscheiden als unbekannte Domains. Die Klickrate in den Suchergebnissen ist dafür wohl ein Parade-Beispiel.

SERPs mit Brands sind die (scheinbar) besseren Ergebnisse

Die oben beschriebenen Prozesse sorgen dafür, dass Such-Algorithmen, bei denen mehr Brand-Seiten vorn in den Suchergebnissen auftauchen, als „bessere“ Algorithmen angesehen und dann bei Google ausgerollt werden. Das kann dann z. B. ein (Sub-)Algorithmus sein, bei dem der Faktor „Brand“ den Faktor „schwacher Content“ aussticht, oder wo der Faktor „Brand“ sogar eine eigentlich durch den Faktor „schlechte Backlinks gemäß Penguin-Bewertung“ ausgelöste schlechtere Platzierung einer Seite wieder aufhebt.

Google braucht Brands, weil die User das genau so haben wollen

Es ist also der menschliche Faktor und nicht der strategische Wille von Google, der dafür sorgt, dass Brand-Seiten in den Suchergebnissen bevorzugt werden. Google kann gar nicht anders, als genau solche Ergebnisse auszuliefern. Denn schließlich steht und fällt das gesamte Geschäftsmodell des Unternehmens damit, dass die Durchschnitts-User zufrieden mit der Qualität der Suchergebnisse sind.

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